According to handelsblatt, vor dem Hotel Vittoria im norditalienischen Brescia glänzt ein Ferrari 212 Inter Pinin Farina, die Motorhaube offen, das Cockpit leer. Im vergangenen Jahr wurde ein solches Modell für 885.000 Euro versteigert; früher gehörte es der Schauspielerin Ingrid Bergman.

Noch fotografieren Passanten den Wagen. Doch aus den Gassen dröhnt schon das Röhren weiterer Oldtimer. Gleich klappen auch die Ferrari-Fahrer aus Neuseeland die Haube zu und reihen sich ein. Denn ihr Oldtimer ist eines von etwa 450 Autos, die in diesem Jahr an dem legendären Rennen Mille Miglia teilnehmen. Es führt an fünf Tagen von Brescia nach Rom und wieder zurück.

Die Mille Miglia gilt als das wichtigste Oldtimer-Rennen weltweit. Sie ist ein rollendes Museum aus Millionenwerten – und zugleich ein Statement in einer Branche, die über den ersten vollelektrischen Ferrari diskutiert. Es ist eine Geschichte darüber, warum Fahrer Zehntausende Euro zahlen, um dabei zu sein, warum Mercedes seine Historie inszeniert und die Italiener den Benzingeruch trotzdem feiern.

„Das schönste Autorennen der Welt“

Vor 99 Jahren gegründet, war die Strecke einst genau tausend Meilen lang – Mille Miglia auf Italienisch, daher der Name. Seitdem hat sich vieles geändert: War es ursprünglich ein Geschwindigkeitsrennen auf öffentlichen Straßen, ist es heute eine Gleichmäßigkeitsrallye in fünf Etappen, an der nur Oldtimer teilnehmen dürfen, die bei einem der Rennen zwischen 1927 und 1957 dabei gewesen sind. Auch die Route hat sich auf rund 2000 Kilometer verlängert.

Die Teilnahme kostet pro Auto dank Gebühren, Logistik und technischer Unterstützung mehrere Zehntausend Euro und kann auch leicht die Hunderttausende erreichen – den Fahrzeugpreis natürlich exklusive. Und der kann gern mal in die Millionen gehen.

Damit ist die Mille Miglia heute ein äußerst exklusives Event. Doch die Faszination ist geblieben: Jedes Jahr gibt es mindestens doppelt so viele Bewerber wie Plätze.

Wohl auch, weil die Strecke durch einige der schönsten Regionen Italiens führt: Angefangen beim Gardasee schlängelt sie sich in diesem Jahr zwischen dem 9. und 13. Juni durch die Städte und Dörfer der Toskana und Umbriens bis hin zu den Sehenswürdigkeiten Roms – und wieder zurück.

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Ferrari-Gründer Enzo Ferrari nannte sie einst „das schönste Autorennen der Welt“ – und die Italiener stimmen ihm zu. Sie sind bis heute die zahlenmäßig größte Fahrergruppe.

Auch bei Ausländern kommt die Mille Miglia gut an: In diesem Jahr kommen die Fahrer und Fahrerinnen aus mehr als 29 Ländern, viele aus Deutschland. Was zieht sie zu dem Rennen? Ist es nur Verbrenner-Nostalgie oder auch eine Art Protest gegen das Elektro-Zeitalter?

Ziel: Gesund ins Ziel kommen

Für Stefan Rybczynski ist das Rennen vor allem eines: „Leidenschaft pur“. Er nimmt zum 14. Mal teil und steht ein paar Straßen vom Hotel Vittoria entfernt im Schatten eines Baums neben seinem silberfarbenen Alfa Romeo 6C 2500 SS Spider Colli. Neben ihm: seine Frau und Co-Fahrerin Sabrina.

Ihr Auto ist ein Unikat und bekommt viel Aufmerksamkeit von den Zuschauern, die offensichtlich alle Oldtimerspezialisten sind. Rybczynski sagt in bescheidenem Tonfall, sein Auto sei „relativ bekannt“, weil es 1947 und 1948 als Sonderanfertigung hergestellt wurde.

Das Chassis stammt von Alfa Romeo, die Karosserie von der Carrozzeria Colli aus Mailand. Offenbar eine gute Kombination: 1948 erreichte es den sechsten Platz. Heute fährt Rybczynski aber nicht mit, um vorn dabei zu sein: „Mein Ziel ist, gesund anzukommen.“

Über das Anachronistische an seinem Oldtimer in Zeiten, in denen die Autobranche heiß über den ersten vollelektrischen Ferrari diskutiert, macht er sich keine Gedanken. Die Mille Miglia sei schließlich eher ein „rollendes Museum“ und keine Positionierung gegen Umweltschutz oder E-Antriebe.

Man müsse bedenken, wie wenige Kilometer diese Fahrzeuge pro Jahr bewegt werden, sagt Rybczynski: „Das ist ja kein Alltagsfahrzeug, mit dem man Besorgungen macht oder in den Urlaub fährt.“ Mit seinem Alfa mache er nur ein paar „Bewegungsfahrten“ pro Jahr, damit etwa der Ölkreislauf zuverlässig funktioniere. Den Rest der Zeit warte er in der Garage auf die nächste Mille Miglia.

Rybczynski fasziniere die Kombination Italiens mit Oldtimern und Motorsport. An dem Rennen gefielen ihm besonders die Fahrten durch die historischen Altstädte. Das, in Kombination mit den jubelnden Zuschauern am Rand der Strecke, sei eine „einzigartige Erfahrung“.

20-jährige Unterbrechung nach Tragödie

Diese unmittelbare Nähe zum Publikum hat die Mille Miglia von Beginn an charakterisiert: Die Strecke führte durch reiche Städte und arme Ortschaften, vom wohlhabenden Norden in den strukturschwächeren Süden – und dabei stets direkt an den Schaulustigen vorbei. So trug sie dazu bei, in dem erst kurz zuvor vollständig geeinten Italien ein Gefühl des Zusammenhalts entstehen zu lassen.

Tragischerweise kam es 1957 zu einem schweren Unfall: Damals platzte der Reifen eines Ferraris bei rund 250 Stundenkilometern. Das Auto geriet ins Schleudern und prallte in die Zuschauer am linken Straßenrand. Elf Menschen starben, darunter fünf Kinder und die beiden Piloten.

Das Rennen wurde eingestellt und erst 20 Jahre später wiederbelebt – nun als Gleichmäßigkeitsrallye, bei der es mehr um Präzision als um Geschwindigkeit geht.

„Die Polizei steht daneben und ruft ‚Avanti‘“

„In Deutschland wäre so ein Rennen heute nicht möglich“, sagt Burkhard Mollen, der zum vierten Mal teilnimmt. Wo in Italien die gemeinsame Freude an der Veranstaltung spürbar sei, würde es in Deutschland Neid und Protest geben, glaubt er.

Aktivisten würden die Straße blockieren und die Polizei die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung einfordern. „In Italien fahren wir in den kommenden Tagen über jede rote Ampel, und die Polizei steht daneben und ruft ‚Avanti‘“, sagt er. Die Einheimischen jubelten den Autos zu, schließlich seien diese Kulturgut.

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Mollen fährt einen beige-schwarzen Alfa Romeo 6C 1750 GS Spider Zagato, Baujahr 1931. „Das bisschen Sprit, das wir hier verbrennen, ist nicht das Problem“, sagt Mollen. Zumal er zu Hause am Tegernsee einen Elektro-Smart fahre.

Was an der Mille Miglia zähle, sei das emotionale Erlebnis, das Adrenalin. Apropos: Mollen muss los. Sein Auto trägt die Nummer 63 und muss sich früh einreihen. Bald geht es über die Startlinie.

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren nur vereinzelte Proteste von Umweltgruppen, die keine Auswirkungen auf das Rennen hatten. Auch die Brescianer scheinen vor allem stolz darauf zu sein, dass die Oldtimerwelt für ein paar Tage im Jahr auf sie blickt.

Schließlich ist die Mille Miglia auch gut fürs GeschäFT. Allein eine einheimische Jugendliche sagt an diesem Vormittag entnervt zu ihrem Freund, dass sie das Rennen genau deshalb hasse, als sie vom Fahrrad absteigen muss, um es durch die Zuschauerreihen zu fädeln. In der breiten Bevölkerung ließ sich zuletzt schlimmstenfalls ein Rückgang der lokalen Schaulustigen vermerken.

Markenpflege für Mercedes-Benz

Doch nicht nur die Italiener profitieren vom Rennen: Etwas weiter hinten in der Startschlange zieht eine ganze Reihe von Mercedes-300-SL-Coupé-Modellen mit ihren auffälligen Flügeltüren die Aufmerksamkeit auf sich.

Besonders die Startnummer 281: ein W194, Prototyp aus dem Jahr 1952, mit dem Mercedes-Benz nach dem Krieg wieder in den Rennsport eingestiegen ist. In Langstrecken-Straßenrennen wie der Panamericana, bei Le Mans oder eben der Mille Miglia war es ausgesprochen erfolgreich und fuhr mehrere Siege ein.

An sein Steuer setzt sich gleich Markus Breitschwerdt, Präsident von Mercedes-Benz Heritage, die das historische Erbe der Marke verwaltet – und hier einmal im Jahr vorführt. Schließlich seien die Oldtimer „das Beste, was es an mechanischen Autos gibt“, sagt Breitschwerdt.

Die Stuttgarter schicken in diesem Jahr vier Werkswagen ins Rennen plus sieben Kundenautos, die rund um die Uhr von Technikern betreut werden. Die perfekte Werbung, denn: „Eine Marke ist dann eine Marke, wenn sie authentisch ist“, sagt Breitschwerdt. Um authentisch zu sein, müsse ihre Geschichte klar sein. „Und genau deshalb sind wir hier.“

„Nebenbei keine E-Mails schreiben“

Die Zuschauer sind jedenfalls mit Begeisterung dabei. Auch weil sie wissen, dass das Rennen für die Fahrer keine Spazierfahrt ist. Marc-Julian Siewert aus München berichtet, dass es bei seinem letzten Rennen auch mal sechs, sieben Stunden durchgeregnet habe.

Sein Jaguar XK 120 OTS Roadster Lightweight Aluminium aus dem Jahr 1949 hat kein Verdeck. Was er dann mache? „Kappe auf, Brille auf und weiterfahren.“ Das Wasser laufe dann einfach unten wieder aus dem Wagen raus.

Die größte Herausforderung ist für ihn das unsynchronisierte Getriebe: „Ich muss die Gänge nach Gefühl und Übung treffen“, sagt er. Obendrein ist die Zeit, die die Teilnehmer für bestimmte Abschnitte benötigen dürfen, auf die Sekunde festgelegt. Der Beifahrer schaut auf die Uhr. „Da ist man schon gut beschäftigt und kann nebenbei keine E-Mails schreiben“, sagt Siewert.

Bei der Mille Miglia gehe es um Emotionen, die es sonst nicht so häufig im Leben gebe. „Das kann man eigentlich nur mit Surfen oder einem Marathonlauf vergleichen“, sagt Siewert. Dafür schaufelt er sich auch eine Woche frei, obwohl er als Chef einer IT-Sicherheitsfirma einen vollen Zeitplan habe. Nächstes Jahr feiert die Mille Miglia ihren 100. Geburtstag: „Da müssen wir auf jeden Fall noch einmal teilnehmen.“

Dann ist es auch für Siewert und seinen Beifahrer Marian von Mitschke-Collande so weit: Sie steigen in ihren Jaguar, nehmen Kurs auf das Startpodest. Die erste Etappe wird sie heute am Gardasee vorbei nach Padua führen.

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Erstpublikation: 12.06.2026, 04:00 Uhr.