According to handelsblatt, nicht nur einige Mitarbeiter tun nur das Nötigste, auch viele Führungskräfte kündigen innerlich. Immer öfter beobachten Angestellte: âMein Chef hat keinen Bock mehrâ, sagt Violeta Nikolic. Die Schweizerin ist Coach für Leadership und Persönlichkeitsentwicklung.
Seit mehr als 15 Jahren arbeitet die Gründerin von Mindshape Coaching als Sparringspartnerin für Führungspersonal. Egal, welche Branche. Egal, welche Position. Sie sagt: âStändige Transformation, fehlende Rückendeckung, Sinnverlust und emotionale Erschöpfung treiben viele Führungskräfte in die stille Distanz.â
Es kann natürlich keine exakte Zahl geben, wie viele Führungskräfte in Deutschland innerlich gekündigt haben. Aber eine Annäherung ist möglich, und zwar auf Basis des Gallup-Engagement-Index.
Diese weltweite Befragung von Fach- und Führungskräften zeigt, wie es um ihre emotionale Bindung zum aktuellen Arbeitgeber steht. Und wie wechselwillig sie sind.
Die exklusive Auswertung für das Handelsblatt zeigt für Deutschland eine besorgniserregende Tendenz: Ob Teamleiter oder Top-Manager â die Job-Zufriedenheit und emotionale Bindung sind seit 2020 stark gesunken.
Gefühl von Lähmung oder innerer Leere
Damals zeigten sich noch 44 beziehungsweise 27 Prozent der Führungsriege zufrieden und loyal. Aktuell sind es gerade mal noch ein Viertel, die sich wohlfühlen, und nur noch zwölf Prozent, die sich ihrem Unternehmen verbunden fühlen. Und drei von zehn Führungskräften suchen nach einer Jobalternative.
Die Führungsrolle war noch nie so anspruchsvoll wie heute: Es tobt ein Handelskrieg, KI wälzt die Arbeitswelt um, nur wenige Geschäftsmodelle scheinen zukunftsfähig â Unternehmen müssen sich in nie gekanntem Tempo transformieren.
Führungskräfte sollen diesen permanenten Ausnahmezustand managen. Gleichzeitig wird von ihnen immer mehr Leistung gefordert, die in immer härterer Form gemessen wird.
âDieser Spagat zwischen Speed und Innovation ist kaum zu schaffenâ, sagt Heike Bruch. Die Professorin für Leadership leitet das Institut für Führung und Personalmanagement an der Universität St. Gallen in der Schweiz. Sie sagt: âSich emotional auszuklinken ist kein persönliches Versagen, sondern fungiert mitunter als Schutz, um nicht auszubrennen.â
Die Führungsaufgabe macht keinen Spaà mehr, stattdessen breitet sich ein Gefühl der Lähmung oder innerer Leere aus. Coachin Nikolic schildert den Fall eines Abteilungsleiters, dessen Konzern in Finanzschwierigkeiten steckt. Sie nennt ihn Hans Müller.
Leistung steht häufig über Menschlichkeit
Müller wurde von seinem Vorgesetzten lapidar mitgeteilt, dass sein Verantwortungsbereich umstrukturiert werden solle und er sich von Mitarbeitern trennen müsse. Der konkrete Zeitpunkt und die Anzahl der Kollegen, die gehen sollten, blieben unklar. âNächstes Quartal vielleichtâ, hieà es nur.
Nikolic: âAuf seiner Sandwich-Position fühlte sich Müller angesichts der Entscheidung, die âdie da obenâ ohne ihn getroffen hatten, machtlos.â Enttäuscht und verunsichert wich er Begegnungen mit Kollegen und Vorgesetzten aus. Er besuchte stattdessen lieber Lieferanten.
Nikolic beschreibt, was folgte: âSein Team war sich selbst überlassen. Wichtige Entscheidungen wurden verschoben. Im Unternehmen begann man sich zu fragen: âWas ist denn bei Abteilungsleiter Müller los?ââ
Erschöpfte Führungskräfte neigen nachweislich entweder zum autoritären oder wie im Beispielfall Müller zum âLaisser-faireâ-Stil, sagt Leadership-Forscherin Bruch mit Blick auf Hunderte von Unternehmen, die sie untersucht hat.
Solche Führungsmuster seien fatal für Unternehmen. Nachlassende Produktivität und Kreativität sind Folgen demotivierter Team-, Abteilungs- oder Bereichsleiter, die sich nicht mehr engagieren. Daher sei eine Enttabuisierung der âerschöpften Führungskraftâ so wichtig.
Coach Nikolic bestätigt: âQuiet Quitting ist häufig ein Symptom einer Arbeitskultur, die Leistung über Menschlichkeit stellt.â
Das hat Gründe. Laut Leadership-Forscherin Bruch befinden sich 75 Prozent der Unternehmen in einer âBeschleunigungsfalleâ: âEs wird nach eher veralteten Mustern geführt, bloà mit erhöhter Intensität.â Folge: ein Klima kollektiver Ãberhitzung. Dadurch bestehe die Gefahr, âdass die Führung ihre Organisation in vollkommene Lähmung steuertâ, warnt die Expertin.
Was können Arbeitgeber tun, um diese Entwicklung zu verhindern? Es gibt keine Musterlösung, darin sind sich die Expertinnen einig. Hilfreich sind aber diese drei Ansätze.
Ansatz eins: Bewusster Umgang mit Druck
Gegen die gefährliche Krise im Management und angesichts der steigenden Intensität der Anforderungen helfe ein bewusster Stopp, um Leadership neu auszurichten und zu priorisieren.
âEntscheidend ist, wie eine Organisation mit Druck und Unsicherheit umgehtâ, sagt Expertin Bruch. Sie empfiehlt, sich an sogenannten High-Energy-Unternehmen zu orientieren.
Hier werde nicht nur offen darüber gesprochen, wie anstrengend Führung geworden ist, sondern hochrangige Vorbilder schildern, wie sie selbst mit Herausforderungen und Frust aufgrund der komplexen Führungssituation umgehen.
Gäben Vorstände und Geschäftsführer einzelne Schwächen offen zu, signalisiere das, âdass es normal ist, etwas nicht zu wissen oder an Grenzen zu stoÃenâ, sagt Bruch. Es zeigt, dass man gerade angesichts der Umbrüche nicht alles können oder wissen muss, es aber wichtig ist, dass man neue Situationen angeht und lernt. âDas nimmt gerade für Führungskräfte im Mittelbau enormen Druck raus.â
AuÃerdem würde in High-Energy-Unternehmen stark bereichsübergreifend zusammengearbeitet, etwa um KI einzuführen, und der Erfahrungsaustausch der Vorgesetzten untereinander gefördert, um voneinander zu lernen.
âHigh-Energy-Unternehmen sind wirtschaftlich erfolgreicher als die Mehrheit der High-Pressure-Unternehmen, in denen Druck intern an Einzelne weitergegeben wird und Mikromanagement vorherrscht, weil Führungskräfte vor allem Ziele vorgeben und Leistung kontrollieren sollenâ, so Bruch.
Ansatz zwei: Modernes Führungsverständnis vermitteln
Die üblichen Werkzeuge des Managers, vom Jahresgespräch bis zum ausgelobten Bonus, mit denen er steuert, reichen für eine sich schnell verändernde Lage nicht aus. âWie sie stattdessen ihre Teams, Abteilungen oder Bereiche führen können, wissen Führungskräfte oft nichtâ, sagt Bruch.
Zudem seien Vision und Strategie der Geschäftsführung oft auf den unteren Hierarchieebenen gar nicht bekannt. Daher gilt laut der Expertin: âJe mehr der Druck steigt, umso mehr muss in Leadership und die Entwicklung der passenden Führungsformen investiert werden.â
Leadership Days, zu denen sich alle an einem Ort versammeln, könnten den Rahmen vermitteln. Darüber hinaus seien gezielte Schulungen darüber unerlässlich, wie eine inspirierende Führung aussieht, die alle Mitarbeitenden zu Ideen und Initiative anspornt, um auf die unsichere Lage so flexibel wie möglich reagieren zu können.
Denn selbst in der gröÃten wirtschaftlichen Krise inklusive Stellenabbau sei es wichtig, Motivation und Engagement der Mitarbeitenden und Führungskräfte hochzuhalten.
Die nötigen Chef-Skills lieÃen sich in Präsenz-Workshops oder per Online-Coaching vermitteln. Dabei müsse unbedingt angesprochen werden, wie man als Führungskraft mit Paradoxien umgeht. Wenn etwa das klassische GeschäFT weiter auf traditionellen Prozessen basiert, aber die Zukunft Transformation verlange. Oder wenn es gleichzeitig heiÃe: âPräzisionâ und âaus Fehlern lernenâ.
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Aber auch davon, wie Führungskräfte auf die komplett veränderte Einstellung der Mitarbeiter reagieren sollen, sollte die Rede sein. Stichworte: Work-Life-Balance oder Homeoffice. Und es sollte Anleitungen dazu geben, wie unter diesen Umständen virtuelle Führung gelingen kann.
Ansatz drei: Wertschätzung zeigen
âFührungskräfte müssen in guter Verfassung sein, sollen sie ihre Teams erfolgreich durch Unwägbarkeiten steuernâ, sagt Nikolic. Einen groÃen Einfluss auf die Einstellung hat die Wertschätzung, die man am Arbeitsplatz erfährt. Eine faire Vergütung sollte selbstverständlich sein. Ansonsten machen eher Kleinigkeiten im Umgang den Unterschied.
Wer zum Beispiel erlebe, dass zeitlich und örtlich begrenzte Erreichbarkeit respektiert wird oder klare und verbindliche Absprachen getroffen werden, fühle sich als Mensch wahrgenommen und nicht als Variable, die nach Belieben von der Geschäftsleitung hin und her geschoben wird, sagt Expertin Nikolic.
AuÃerdem bliebe nur so Zeit, um im Sinne des Unternehmens immer wieder die nötige Kraft für den anspruchsvollen Job zu tanken â sei es mit Familie und Freunden oder bei einem Hobby.
âFührungskräfte wollen in der Regel gern mitgestalten und Verantwortung übernehmen und haben aufgrund ihrer Erfahrung eine Meinung zu einer bestimmten Situationâ, sagt Nikolic auÃerdem. Es sei daher ebenfalls eine Form von Wertschätzung, dass ihre Sorgen oder Zweifel Gehör fänden. Dafür bedarf es aber psychologischer Sicherheit.
Wer zum Beispiel an einer Diskussionsrunde teilnehme, dürfe nicht den Eindruck gewinnen, es werde nur so getan, als wäre konstruktive Kritik willkommen. Tatsächlich aber werde derjenige, der sie zu äuÃern wage, hinterher von Vorgesetzten dafür abgestraft.
Das sei wie in einer Beziehung: Ist das Vertrauen gestört, ziehe sich ein Partner oder eine Partnerin enttäuscht zurück oder beende womöglich sogar das Verhältnis.
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Dieser Artikel erschien bereits im Juli 2025. Der Artikel wurde am 13.04.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.