According to wiwo, das Tempo hat selbst Joachim Ley überrascht. Am Donnerstag unterschreibt er den Kaufvertrag für das Grundstück, am Montag rollen die Bagger an, 18 Monate später läuft die Produktion. 48.500 Quadratmeter, 100 Millionen Euro â die gröÃte Einzelinvestition in der Geschichte von Ziehl-Abegg. Nicht in der Heimat Künzelsau, sondern in Winston-Salem. Welcome!
âKein Vergleich zu Deutschlandâ, sagt Ley, Vorstandschef des Lufttechnikunternehmens Ziehl-Abegg, über das, was er in der 250.000-Einwohner-Stadt in North Carolina beim Bau des neuen Werks erlebt hat: Geschwindigkeit, Pragmatismus und Gespräche darüber, was alles geht. Willkommenskultur eben â für die Wirtschaft.
North Carolina und das benachbarte South Carolina haben sich so zu den Hotspots deutscher Unternehmen in den USA entwickelt: BMW betreibt in Spartanburg sein weltweit gröÃtes Werk und produziert dort täglich rund 1500 Fahrzeuge. Ziehl-Abegg hat dank seiner US-Tochter erstmals die Milliardenmarke beim Umsatz geknackt â und jetzt will auch die deutsche Nationalmannschaft in Winston-Salem Weltmeister werden.
WM 2026: Winston-Salem als Basis für die DFB-Elf und deutsche Firmen
Das Quartier der Nationalelf liegt rund 30 Minuten von Ziehl-Abegg entfernt. Die Mannschaft residiert im Graylyn Estate â heute ein Fünf-Sterne-Hotel, früher das private Anwesen des Tabakbarons Bowman Gray. Mit Marken wie Camel, Lucky Strike und Pall Mall machte seine Winston-Salem zur amerikanischen Tabakhochburg. Daher auch der Spitzname der Stadt: âCamel Townâ.
Aber Moment, ausgerechnet eine Tabakhauptstadt soll der perfekte Ort sein fürs Tore-Training? Kein Zufall. Denn für deutsche Unternehmen sind die Carolinas schon lange ein Volltreffer.
Rekordinvestitionen: Warum die Carolinas so attraktiv sind
15 Herrnhuter Brüder, eine deutsche Glaubensgemeinschaft, gründeten 1753 eine Siedlung namens âSalemâ (Frieden). Weitere deutsche Einwanderer folgten, die Spuren sind noch heute zu sehen: North Carolinas gröÃte Stadt Charlotte wurde nach der in Deutschland geborenen Königin benannt, das County Mecklenburg nach dem gleichnamigen Bundesland. 1849 kam Winston hinzu, mit Tabak-, Möbel- und Textilindustrie â was deutsche Maschinenbauer anlockte. Bis heute: Deutsche Unternehmen entscheiden sich immer häufiger für die Carolinas. Das zeigen auch die Rekordzahlen.
27 Prozent der deutschen US-Investitionen sind laut FDI Markets im vergangenen Jahr in die beiden Staaten geflossen, insgesamt 15 Milliarden Dollar, ein historischer Höchststand. Tarek Hassan, Professor an der Boston University, wundert das nicht. Der Ãkonom forscht über den Zusammenhang zwischen Direktinvestitionen und Migration. Seine Analyse zeigt: Regionen, die viele Einwanderer aus einem bestimmten Land aufgenommen haben, erhalten auch Jahrzehnte später mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit Direktinvestitionen aus genau diesem Land.
Rund 500 deutsche Unternehmen sind heute in den Carolinas angesiedelt: 270 in South Carolina, 217 in North Carolina, zeigen die Daten der deutschen Auslandshandelskammer (AHK). Insgesamt haben deutsche Unternehmen demnach in den beiden Staaten rund 70.000 Arbeitsplätze geschaffen.
âDie Carolinas sind zu regelrechten Magneten für die deutsche Maschinenbau- und Automobilindustrie gewordenâ, sagt Matthias Hoffmann, Chef der deutschen Auslandshandelskammer für den Süden der USA. Was die deutschen Unternehmen schätzen? Die Hands-on-Kultur, glaubt Hoffmann. âWer hier investieren will, bekommt schnell die richtigen Ansprechpartner an den Tischâ, sagt er. âDie Wege sind kurz, die Behörden lösungsorientiert, die Genehmigungsverfahren unkompliziert.â
South Carolina will seinem Nachbarn aus dem Norden dabei Konkurrenz machen. Der Bundesstaat hat bereits seit 50 Jahren ein eigenes Europa-Büro, um europäische Unternehmen gezielt für Investitionen anzusprechen. Nach Stationen in Brüssel und Frankfurt ist es inzwischen in München angesiedelt. Kein Wunder, schlieÃlich hat einer von South Carolinas wichtigsten Arbeitgebern dort seine Zentrale: der Autobauer BMW.
Rund um das Werk der Bayern, das BMW 1992 in Spartanburg eröffnete, ist inzwischen ein ganzes Ãkosystem aus Zulieferern und Dienstleistern entstanden â viele von ihnen aus Deutschland, sagt Sergio Domingues, der das Büro leitet.
Das schlage sich mittlerweile auch im Alltag nieder. âIch habe kürzlich gelesen, dass Deutsch jetzt nach Englisch und Spanisch die dritthäufigste Sprache ist, die in South Carolina gesprochen wirdâ, so Domingues. âIst das nicht toll?â
Sprache allein bringt aber wenig, wenn das transatlantische Verhältnis zerfällt. Die politische Unsicherheit ist für deutsche Unternehmen in diesem Jahr erstmals die gröÃte Sorge, wie eine Umfrage der Handelskammer zeigt.
Das will Josh Stein ändern. Der demokratische Gouverneur wirbt gerade in Deutschland um Investitionen in North Carolina. Die Handelspolitik in Washington könne er nicht beeinflussen, sagt Stein. Wohl aber die Standortbedingungen vor Ort: qualifizierte Arbeitskräfte, verlässliche Infrastruktur und schnelle Entscheidungen.
Allerdings: Fachkräfte im Ãberfluss gibt es auch in North Carolina nicht. Im Gegenteil. 5000 bis 10000 Hochschulabsolventen braucht der Bundesstaat zusätzlich, um den Bedarf des Arbeitsmarktes zu decken, zeigt eine aktuelle Studie. Mit deutschen Unternehmen will Gouverneur Stein deshalb ran an den Mangel. Mit der Siemens Foundation hat er etwa das Programm âCareers Electricâ gestartet. Das Ziel: 25.000 neue Elektrofachkräfte in zehn Jahren.
North Carolina leidet selbst unter Donald Trumps Standortpolitik. Der Staat hatte besonders von Joe Bidens Inflation Reduction Act profitiert, einer Subventionsbonanza für grüne Technologien: Ãberproportional viele Unternehmen aus der E-Auto-Lieferkette und der Branche für saubere Energie siedelten sich an, erzählt Christopher Chung, Chef von North Carolinas Wirtschaftsförderung. 2022 und 2023 habe etwa jedes sechste neue Projekt einen Bezug zur E-Auto-Branche gehabt, heute sei es nur noch jedes zehnte. Mit Trumps Anti-E-Auto-Kurs legten manche Firmen ihre Pläne auf Eis.
Epsilon Carbon, ein indisches Unternehmen, habe bisher nicht mit dem Bau seiner EV-Batteriekomponenten in Wilmington begonnen, auch der japanische Batteriekomponentenhersteller Dai Nippon Printing habe sein Werk in Lexington nicht vorangetrieben, der vietnamesische E-Auto-Hersteller VinFast sein EV-Montagewerk wiederholt verschoben.
Chung bleibt optimistisch: âUnternehmen können mit Regierungswechseln und unterschiedlicher Industriepolitik umgehenâ, sagt er, âausschlaggebend ist am Ende die Stärke des US-Marktes â davon wollen sie profitieren.â
Seine Strategie, damit sie ihre Millionen und Milliarden nach North Carolina tragen: Verbindlichkeit schaffen in Zeiten, in denen der Präsident morgens etwas verkündet, was er abends schon wieder kassiert.
Plane ein deutsches Unternehmen ein Werk, sitzen etwa von Anfang an Kollegen von der Umwelt- und Baubehörde mit am Tisch, um mögliche Hürden schnell zu klären und den Zeit- und Kostenplan realistisch zu begleiten. Das hat auch Ziehl-Abegg-Chef Ley begeistert.
âNorth Carolina bietet ein One-Stop-Shop-Prinzip, das herausstichtâ, sagt er. âWir hatten einen Ansprechpartner, der sich um alles gekümmert hat â von der Grundstückssuche bis zu den Genehmigungenâ, erklärt Ley â und betont: âDas wünschen sich viele Unternehmen auch in Deutschland.â
KI-Boom statt E-Mobilität: Neue Treiber deutscher Investitionen
Während die E-Auto-Cluster schwächeln, profitiert Ziehl-Abegg gerade massiv von einem neuen Boom: den Milliardeninvestitionen in künstliche Intelligenz (KI). In nahezu jedem neuen Rechenzentrum dürften Ventilatoren des Weltmarktführers verbaut sein. âDie USA sind seit 2025 inzwischen sogar unser gröÃter Marktâ, sagt Ley. 20 Prozent macht der US-Markt inzwischen am Gesamtumsatz aus, im August 2024 wurde deshalb das neue Werk in Winston-Salem eröffnet.
Und die Aussichten sind rosig, denn die Diskussion um den hohen Energieverbrauch der Datacenter spielt den Künzelsauern in die Hände: âIn Ländern mit sehr niedrigen Energiekosten gibt es oft wenig Anreiz, auf moderne Ventilatoren umzurüstenâ, erläutert Ley: âSteigende Strompreise sind also auch ein Verkaufsargument für uns.â
Von diesem Boom ist in Deutschland freilich vorerst nichts zu sehen â und trotzdem könne sich Deutschland etwa von North Carolina abschauen: âBürokratieabbauâ, mahnt Ley. âDa sind die USA einfach deutlich wirtschaftsfreundlicher.â Die Bundesregierung habe zwar Abbau angekündigt, aber: âDer kommt bei den Unternehmen bisher nicht anâ, sagt Ley. âFür viele kleine und mittlere Unternehmen ist das aber keine abstrakte Frage â es ist eine Frage von Ãberleben oder Sterben.â
Und es ist eine Frage, die auch über weitere Investitionen entscheidet. Ziehl-Abegg hat in Winston-Salem gerade erst eine neue Abteilung für Forschung und Entwicklung aufgemacht. Gouverneur Stein hofft auf mehr, schlieÃlich gilt es, Texas zu schlagen, das bisher die meisten ausländischen Direktinvestitionen anzieht.
Zur WM geht es für Stein jetzt aber erstmal um die Gretchenfrage. Wem drückt er die Daumen: der deutschen Nationalelf mit ihrem Quartier in Winston-Salem, oder der US-Mannschaft? Für Stein eine klare Sache: den USA, sagte er, aber: âDer Wettbewerb ist hart umkämpft â möge das beste Team gewinnen!â
Das gilt freilich nicht nur auf dem Platz â sondern auch im Wettbewerb um deutsche Investitionen.
Lesen Sie auch: Dieser deutsche Weltmarktführer hilft Donald Trump raus aus Chinas Würgegriff.