According to handelsblatt, als Nina Poppel zum ersten Mal wählen durfte, war sie so ahnungslos, dass sie ihren Vater fragte, wo er sein Kreuz mache â und tat es ihm gleich. Heute gibt sie selbst Orientierung, nicht ihren Familienmitgliedern, sondern im Internet.
Während ihres Politikstudiums begann sie 2020, auf Instagram und Tiktok das Geschehen in Deutschland und der Welt in einfachen Worten einzuordnen. Allein auf Instagram folgen der 31-jährigen Stuttgarterin und ihrem Account âNini erklärt Politikâ etwa eine halbe Million Menschen.
Dort veröffentlicht sie nicht nur Videos, sondern auch klar strukturierte Info-Postings zu Themen wie dem Krieg im Iran, der Hungersnot in Gaza und den Wahlen in Ungarn.
Warum macht sie das?
Seit Nina Poppel als Teenagerin Petra Gerster die Heute-Nachrichten moderieren sah, wollte sie selbst Fernsehjournalistin werden. âWeil sie so stark wirkteâ, sagt Poppel, die sich in ihrer Schulzeit überhaupt nicht stark fühlte. Sie wuchs in der baden-württembergischen Kleinstadt Sigmaringen auf, studierte nach dem Abitur Politik, weil man ihr das bei der Agentur für Arbeit für eine journalistische Laufbahn empfohlen hatte.
Schon vor ihrem Masterabschluss fielen ihr in der Coronazeit die vielen Verschwörungstheorien im Internet auf. Menschen waren davon überzeugt, dass Deutschland zu einer Diktatur geworden war. Poppel beschloss, ihr Wissen aus dem Studium zu nutzen, und eröffnete einen Tiktok-Account. In einem der ersten Videos erklärte sie, was es wirklich bedeutet, in einer Diktatur zu leben.
Was genau macht Nina Poppel auf Instagram und Tiktok?
Gerade zu Beginn vermittelte sie vor allem Basiswissen, sozusagen als sprechendes Politiklexikon. Mittlerweile geht es viel häufiger um aktuelle Entwicklungen. In sachlichen Info-Posts mit fünf, sechs, sieben Slides und Quellenangaben widmet sie sich Themen wie dem Krieg im Iran oder der Frage, ob China Freund oder Feind ist.
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Poppel sagt, Info-Posts erreichen auf Instagram auch mal mehr als eine Million Aufrufe, liefen sogar besser als Videos. âDas wird auf Instagram gerade sehr belohnt.â
Ihre Selfie-Videos sind mal sachlicher, mal meinungslastiger. Sie beschäftigt sich zum Beispiel damit, warum Friedrich Merz gerade so schlecht ankommt und ob wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch brauchen.
In einem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung heiÃt es über sie: âStatt eine objektive Erklärung der politischen Themen bietet sie einen subjektiven Zugang zur jeweiligen Situation, ohne sich dabei parteipolitisch festzulegen.â
Poppel äuÃert sich tatsächlich nicht parteipolitisch, aber sie vertritt ein eher progressives Weltbild und steht für Demokratie ein. Deshalb positioniert sie sich klar gegen die AfD. Auch beim Thema Gleichberechtigung von Frauen wird sie deutlicher. Sie ist groà geworden mit dem Slogan ihrer Eltern: Nina, du kannst alles werden. âBis ich merkte: Das stimmt ja gar nicht. Ich habe sehr oft gemerkt, dass man als Frau anders behandelt wird. Ich bin oft sexuell belästigt worden, als Au-pair, bei Praktika.â
Wie wählt sie ihre Themen aus?
Bei dem, worüber sie spricht, orientiert sie sich an ihrem Bauchgefühl, nicht an dem, was bei Google besonders häufig gesucht wird. âWas mich krass interessiert. Ich mache immer, was ich denk und was ich fühl.â
Zweimal pro Woche geht sie mit einigen Sachbüchern in die Sauna. âNachrichten kann jeder lesen. Aber wer hat Zeit, die ganzen Bücher zu lesen?â Gerade ist es unter anderem âDas erwachsene Landâ von Journalist Holger Stark. Das Buch handelt davon, warum nach Trump nichts besser werden könnte. Auch aus solchen Büchern schöpft sie für ihre Beiträge.
Bei der Themenauswahl, sagt sie, helfe ihr, dass sie nicht mit Journalisten befreundet sei, sondern ânur mit normalen Menschenâ. Und dass sie in Stuttgart wohnt und nicht in Berlin, also mitten in der Politjournalisten-Bubble. Sie hat lange Zeit mit vier weiteren Frauen in einer WG gewohnt.
Warum ist sie so erfolgreich?
Poppel macht sich die Mühe, verständlich zu sprechen und einfach zu formulieren. âAlles, was mit Politik zu tun hat, ist oft von oben herab. Es kann nicht sein, dass ich ein Politikstudium haben muss, um einen Artikel zu verstehen.â Sie legt aber Wert auf die Feststellung: âVereinfachen ist nicht verkürzen.â Ein Ansatz, den sie auch in ihrem Buch âEndlich Politik verstehenâ verfolgt, das sie 2025 veröffentlicht hat.
Bis 2023 war Poppel nach eigener Aussage nur mäÃig erfolgreich auf Instagram, während es auf Tiktok schon gut lief. Was ihrer Motivation nicht gerade half. âIrgendwie hatte ich keinen Bock mehr auf Politikâ, sagt sie. Zu Beginn trat sie noch seriös im Blazer auf, aber als ihr egal wurde, wie sie rüberkam, wurde sie lockerer, zog sich vorm Dreh nicht mehr um. âVier, fünf Monate später hatte ich 200.000 Follower.â
Ihre Videos dreht sie in keinem Studio, sondern in der eigenen Wohnung oder drauÃen, setzt auch mal bewusst ihren schwäbischen Akzent ein. Viele Textkacheln hinterlegt sie mit Fotos aus ihrem Alltag, ohne dass sie Bezug zum Thema haben. Das bringt Nahbarkeit trotz Politikstudium.
Sie spricht auch die Gefühle der Menschen an, lässt ihre eigenen durchblicken, ohne dass es auÃer Kontrolle gerät. âIch hab mich getraut, Politik weich anzugehen, viel auf die emotionale Schiene zu gehen. Wie geht man mit Weltschmerz um? Wie kann man sich engagieren?â Und gibt eigene Schwierigkeiten zu. Kürzlich zum Beispiel, dass sie 2024 kurz vor einem Burnout stand.
Die Zeiten, in denen sie selbst Nachrichten konsumiert, regelt sie daher streng, auch um sich nicht selbst zu überfordern. Morgens nach dem Aufwachen greift Poppel nicht sofort nach dem Smartphone, um 20 Uhr schaltet sie es wieder aus.
Auch Ratlosigkeit räumt sie ein. âTrump war schon vor dem Irankrieg unzuverlässig, aber seitdem gibt es nur noch wenig zu analysieren. Es werden ständig Dinge angekündigt, aber es passiert nichts.â Ebenso in der deutschen Innenpolitik. Da gebe es den millionsten Streit. Alles wiederholt sich. âIch denke das erste Mal: Jetzt weià ich auch nicht mehr.â Merz lehnte in der Opposition den Tankrabatt ab, als Kanzler führte er ihn selbst ein. âWas will ich da erklären? Ich verstehe es ja selber nicht.â
Sie sagt: âIch bin ungeniert ich selber.â Die Leute haben das Gefühl, Poppel zu erleben, wie sie wirklich ist, eine Vertrauensperson, die groÃe Schwester, die einem Politik erklärt und einen gleichzeitig ein wenig an ihrem Alltag teilhaben lässt. âDie Leute vertrauen mir als Niniâ, sagte sie mal in einem Interview mit dem SWR. Auf Tiktok ist die Reichweite im Gegensatz zu Instagram allerdings mittlerweile eingebrochen, ohne dass sie dafür eine Erklärung hat. Vielleicht nicht mehr cool genug für Tiktok, vermutet sie.
Wie reagieren die Menschen auf ihre Beiträge?
Wer in die Kommentare zu ihren Beiträgen schaut, findet dort verhältnismäÃig wenig Hass für den Account einer eher progressiven Journalistin. Sie sagt, selbst die Rechten gehen sie eher inhaltlich an. Eine Erklärung dafür könnte der hohe Frauenanteil derer sein, die ihr folgen. Der liegt nach ihren Angaben bei 80 Prozent.
Eine andere könnte sein, dass sie nicht mit Clickbaiting arbeitet, Leute zwar in ihren Gefühlen anspricht, sie aber nicht weiter antreibt. Vermutlich hilft auch der Name des Accounts. Nini ist ein Spitzname, den ihr damaliger Freund ihr gegeben hat. âNini kann man doch eigentlich nicht hatenâ, sagt sie. Es ist eben wie der Name der guten Freundin.
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In einem Radiointerview vermutete sie 2025, dass sie nur die Leute erreicht, die ohnehin schon informiert sind. Das sieht sie mittlerweile anders, weil ihr viele schreiben, dass sie ihretwegen nun besser Bescheid wüssten. Lehrer folgen ihr, um ihre Inhalte an Schüler weiterzugeben. Eltern schreiben, dass sie die Videos zusammen mit den Kindern schauen, die noch keinen eigenen Instagram-Account haben dürfen.
Kann sie davon leben?
Poppel sagt: âIch habe nicht das finanzielle Leben einer Beauty-Influencerin.â Auf Instagram verdient sie nach eigener Aussage kaum Geld mit Werbung. Es kommen nur wenige Angebote, was sie nicht so ganz versteht. âIch finde, man sieht, dass ich eine lifestylige Person bin.â
Aber ihre Bekanntheit hilft trotzdem, denn ihr Geld verdient sie mit Moderationen, Workshops, als Speakerin. Neulich hat sie Bundeskanzler Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil auf der Münchner Sicherheitskonferenz interviewt.
Schon weil sie ein deutlich geringeres Einkommen hat als andere mit hoher Reichweite, macht sie noch immer alles bei den Videos selbst. Drei bis vier Beiträge macht sie pro Woche. âIch würde gar nicht genug verdienen, um jemanden anzustellen.â
Trotzdem sagt sie viele Anfragen für Talkrunden ab, wenn sie das Gefühl hat, dort als junge, progressive Frau gegen alte, konservative Männer gesetzt zu werden. Bei einem ihrer seltenen Auftritte, in der Phoenix-Runde, musste sie ständig die Jugenderklärerin geben.
Sie hat einen zweiten Account, der etwas mehr auf Lifestyle zielen sollte, um damit für Werbekunden interessanter zu werden. Sie forderte sogar mal ältere, männliche Follower dazu auf, ihr dort zu entfolgen, weil sie die Werbepreise nach unten treiben. Aber so richtig treibt sie das nicht mehr voran.
Stattdessen denkt Poppel nun über einen Podcast nach, mit dem sie hofft, leichter Werbekunden zu gewinnen. Noch in diesem Jahr soll es losgehen. Auch die Karriere beim Fernsehen, so wie Petra Gerster, hat sie noch nicht aufgegeben. âIch werde es so oft sagen, bis es passiert.â
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Erstpublikation: 12.06.2026, 04:00 Uhr.