According to handelsblatt, bis jetzt hat Kevin Warsh zur Zinspolitik geschwiegen. Auf ein Antrittsinterview oder eine programmatische Rede hat der neue Chef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) verzichtet. Umso gröÃer ist die Anspannung an den Märkten, ob Warsh zum Erfüllungsgehilfen von US-Präsident Donald Trump wird.
Warshs erster Zinsentscheid an diesem Mittwoch (20 Uhr deutscher Zeit) wird damit gleich zur Bewährungsprobe: Während Trump unmissverständlich niedrigere Zinsen fordert, setzen Marktteilnehmer zunehmend auf Zinserhöhungen. Investoren hoffen zudem auf Konkretes, wie Warsh die Fed in eine neue Ãra führen will. Drei Felder stehen dabei im Fokus:
1. Zinskurs: Neuer Gegenspieler für Warsh
Spätestens seit dem 22. Mai dürfte Warsh ahnen, wer intern sein gröÃter Widersacher wird: Fed-Vorstandskollege Christopher Waller. Während Warsh in Washington im Beisein Trumps vor groÃen US-Flaggen als Fed-Chef vereidigt wurde, brachte sich Waller in einem schmucklosen Vorlesungsraum der Frankfurter Hochschule Frankfurt School of Finance and Management als Gegenspieler in Stellung.
Bis dahin hatte Waller Zinssenkungen unterstützt. In Frankfurt verkündete der US-Notenbanker seinen Sinneswandel: âDie Inflation geht nicht in die richtige Richtungâ, sagte Waller. Er sei zunehmend besorgt, dass höhere Energiepreise sie dauerhaft anheizen könnten. Und: âWenn die Inflation nicht bald sinkt, kann ich spätere Zinserhöhungen nicht ausschlieÃen.â
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An den Märkten hat das Eindruck gemacht, zumal der Fed-Gouverneur bislang klar für eine lockere Geldpolitik stand. Mehrere andere Notenbanker haben ebenfalls signalisiert, dass eine Zinserhöhung möglich sei. SchlieÃlich stieg die US-Inflationsrate im Mai auf 4,2 Prozent. Ihr Zwei-Prozent-Ziel hat die Fed seit fünf Jahren ununterbrochen verfehlt.
Die Inflationswarnungen mehrerer Notenbanker und Warshs Schweigen haben einen Stimmungsumschwung an den Märkten beschleunigt: Investoren preisen zunehmend steigende Zinsen ein, Ãkonomen haben ihre Zinsprognosen angehoben. So erwarten die US-Experten der Landesbank LBBW und des US-Vermögensverwalters PGIM neuerdings drei Zinserhöhungen.
Das am Sonntagabend verkündete Friedensabkommen mit dem Iran verändert die Einschätzungen allerdings wieder etwas, weil in der Folge die Ãlpreise gesunken sind: Damit âwird auch die Inflationswelle geringer ausfallen als befürchtetâ, schreibt Krishna Guha, Notenbank-Experte der US-Investmentbank Evercore ISI, in einer aktuellen Analyse. Auch die befürchteten Störungen der Lieferketten könnten schwächer als erwartet ausfallen.
Die Ãkonomen der US-Bank Citigroup gehen davon aus, dass Warsh damit Zinssenkungen zumindest weiter in Aussicht stellen kann. Laut Nathaniel Hyde vom britischen Vermögensverwalter Insight Investment verschafft das Iranabkommen Warsh mehr Spielraum, einen zurückhaltenden Ton anzuschlagen.
Auch Zinshändler sind hin- und hergerissen. Daten der US-Terminbörse CME zufolge ist an den Kapitalmärkten am Tag vor Warshs Premiere zu 58 Prozent mindestens eine Zinserhöhung bis Dezember eingepreist. Angesichts sinkender Ãlpreise ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass es das ganze Jahr über bei der jetzigen Zinsspanne von 3,5 bis 3,75 Prozent bleibt, etwas gestiegen.
2. Kommunikation: Weniger ist mehr
Bei seiner obligatorischen Anhörung im Bankenausschuss des US-Senats kündigte Warsh einen âgrundlegenden Systemwechsel in der Geldpolitik anâ. Dazu könnte neben dem Umstieg auf ein anderes Inflationsmaà und weniger Pressekonferenzen im Anschluss an Zinsentscheide auch ein Stilwechsel gehören.
Warsh vermittelte in der Anhörung den Eindruck, dass die Notenbanker ihm zu wenig streiten und zu viel kommunizieren. Christian Keller, Chefvolkswirt der britischen Bank Barclays, kann das nachvollziehen: Aktuell kommuniziere die Fed sehr viel, sagte er.
âSie veröffentlichen einmal im Quartal Projektionen zu künftigen Zinsen, die sie dann oft doch wieder einkassieren müssen. Auch das kann zu Volatilität führenâ, sagte Keller. Ein Weniger-ist-mehr-Ansatz könne deshalb durchaus dazu führen, dass die Märkte weniger schwanken und die Unsicherheit sinkt, sagte der Volkswirt.
Am Mittwoch ist es wieder so weit: Die Fed veröffentlicht neue Projektionen. Anders als bei der Europäischen Zentralbank (EZB) gehört dazu auch ein Zinsausblick. Während Marktteilnehmer im Falle der EZB auf die Inflations- und Konjunkturprognosen angewiesen sind, um daraus ihre Zinserwartungen abzuleiten, liefert die Fed den zu erwartenden Zinspfad gleich mit.
Dafür markiert jede Notenbankerin und jeder Notenbanker mit einem Punkt, wo sie oder er die Leitzinsen in Zukunft sehen. Heraus kommt ein Streudiagramm namens âDot Plotâ. An den Märkten herrscht aktuell die Erwartung vor, dass die meisten Fed-Notenbanker auf absehbare Zeit keine Zinssenkung mehr signalisieren.
Analysten und Investoren werden am Mittwochabend die Punkte aber noch aus einem anderen Grund genau nachzählen: Es wird spekuliert, dass Warsh sich nicht am Zinsausblick beteiligen könnte. Statt der üblichen 19 Punkte wären es dann nur 18. In einem nächsten Schritt könnte Warsh den Zinsausblick dann abschaffen, lauten MutmaÃungen.
3. Fed-Bilanz: Weniger Anleihekäufe
Ein zentraler Punkt auf Warshs Agenda ist, die Bilanz der Fed zu schrumpfen. Aktuell beläuft diese sich auf 6,7 Billionen Dollar. Anleihen, die die Fed jahrelang in groÃem Stil gekauft hat, haben die Bilanz aufgebläht. Diese Strategie sollte die Märkte in Krisen mit Liquidität versorgen und die langfristigen Zinsen drücken.
Investoren treibt um, wie Warsh den Rückbau der Bilanz angehen will. Je schneller sich die Fed von Anleihen trennt, die Papiere also verkauft, desto stärker dürfte das zusätzliche Bonds-Angebot die Kurse belasten â und damit die Renditen steigen lassen. Das läge allerdings nicht im Interesse des US-Finanzministeriums, weil dadurch die Zinskosten weiter steigen würden.
Und die US-Regierung muss in den nächsten Monaten ungewöhnlich viele auslaufende Staatsschulden refinanzieren. Sie konkurriert dabei mit groÃen Unternehmen um die Gunst der Investoren. Denn an den Anleihemärkten herrscht reges Treiben.
âDie hohen Anleihe-Emissionen von US-Tech-Konzernen stehen im Wettbewerb mit der Nachfrage bei amerikanischen Staatsanleihenâ, gibt Barclays-Ãkonom Keller zu bedenken. âWenn nun auch noch das Finanzministerium mehr Anleihen begeben muss, steigt die Gefahr, dass die Zinsen noch weiter steigen, um die Nachfrage zu bedienen.â
Warsh geht seine Vorhaben also in einem schwierigen Umfeld an. Der Analyst der Ratingagentur Scope, Eiko Sievert, erwartet deshalb, dass die Fed âschrittweiseâ vorgeht â âund bei zu starken Marktreaktionen pausieren oder ihren Kurs sogar umkehren wirdâ.
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